Warum ich mein Chance-Risiko-Verhältnis bewusst verschlechtere

Von Trading-Strategie

Nach einer zweiwöchigen Verlustserie stelle ich mein System um: Limit-Orders an relevanten VWAPs, ATR-Stopp, kleineres Ziel. Die Begründung ist die Mathematik von Prop-Trading-Konten – ich teste das jetzt und berichte danach, wie es läuft.

Heruntergezogener Regler an einem Mischpult als Bild für ein bewusst kleineres Chance-Risiko-Verhältnis

Transparenz gehört zu diesem Blog, also auch das hier: Ich baue mein Risiko-Management für einzelne Trades um. Mit meiner bisherigen Strategie bin ich lange gut gefahren – mit dem VWAP-Kontext, der Bestätigungskerze und dem festen RR von 1:2. Doch die letzten Wochen haben mich etwas nachdenklich gemacht.

Eine rund zweiwöchige Verlustserie hat sich durch mein Portfolio gezogen. So unangenehm sie war: Statistisch betrachtet war sie nicht ungewöhnlich. Genau das hat mich ins Grübeln gebracht. Bei meiner Trefferquote und diesem CRV gehören solche Serien quasi zum System.

Die Frage ist also nicht, ob ich einfach Pech hatte. Die Frage ist, ob dieses Design wirklich zum Prop-Trading passt.

Die unbequeme Frage zuerst

Ich habe hier im Blog mehrfach davor gewarnt, Regeln zu ändern, nur weil sich Trades gerade unangenehm anfühlen. Und jetzt ändere ich nach einer Verlustserie mein System. Ist das nicht genau der Fehler, vor dem ich selbst warne?

Diese Frage muss man sich ehrlich stellen. Die Antwort liegt allerdings im Prozess, nicht im Ergebnis. Der Trader, vor dem ich warne, wirft seine Regeln im Schmerz über Bord: im laufenden Trade, an einem Verlusttag und aus dem Impuls heraus, dass es so nicht weitergehen kann.

Was hier passiert, ist meines Erachtens etwas anderes: eine Regeländerung außerhalb der Marktzeiten, mit einer Begründung, die auf dem Papier funktioniert, bevor sie am Konto getestet wird. Dazu kommen eine klar definierte Testphase und vorher festgelegte Kriterien, an denen das Experiment auch scheitern darf.

In der Sprache meines Rollen-Modells gesprochen: Nicht der frustrierte Trader hat entschieden. Der Risiko-Manager hat die Verfassung geändert. Die Verlustserie war der Anlass, genauer hinzusehen. Die Begründung ist die Mathematik.

Die Mathematik der Verlustserie

Wie wahrscheinlich ist eine Serie von fünf Verlusten in Folge? Das lässt sich exakt berechnen, und die Zahlen sind unbequem. Bei 100 Trades liegt die Wahrscheinlichkeit, mindestens eine Fünferserie zu erleben, bei einer Trefferquote von 45 Prozent – einer typischen Gegend für 1:2-Systeme – bei gut 90 Prozent. Bei 65 Prozent Trefferquote sinkt sie auf knapp 30 Prozent, bei 75 Prozent auf unter 7 Prozent. Die Länge von Verlustserien hängt vor allem an der Trefferquote, und die Trefferquote wiederum am CRV. Wer größere Gewinner anstrebt, muss in der Regel längere Durststrecken aushalten. Das ist kein Fehler des Systems. Das ist Arithmetik.

Auf einem Privatkonto ist das leichter zu verkraften. Dort zählt langfristig die Erwartung, und ob Verluste am Stück oder verteilt auftreten, ist der Depotkurve auf lange Sicht egal. Prop-Konten funktionieren anders. Trailing Drawdown und Tageslimits bestrafen nicht den einzelnen Verlust, sondern die Serie. Fünf Verluste hintereinander können ein Konto reißen, fünf über den Monat verteilte Verluste nicht. Prop-Trading begünstigt damit Systeme, deren Erwartung in vielen kleineren Gewinnen entsteht, und benachteiligt Systeme, die dieselbe Erwartung in seltenen großen Gewinnern bündeln. Die Challenge misst nicht, ob Du handeln kannst – sie misst, ob Du ihre Geometrie verstanden hast. Für die Funded-Phase gilt das genauso, nur weniger offensichtlich: Der Trailing Drawdown sitzt jeder Verlustserie im Nacken.

Ein niedrigeres CRV bei höherer Trefferquote könnte unter dieser Geometrie die passendere Antwort sein. Die höhere Trefferquote bei 1:1 ist hier eine Hypothese, kein Gesetz. Die Rechnung zeigt, was passiert, wenn die Trefferquote tatsächlich mitzieht. Sie beweist nicht, dass sie es auch tut. Dazu kommt die Kostenschwelle: Bei 1:1 reicht eine Trefferquote von 50 Prozent nicht aus, weil Kommissionen und Slippage bei kleineren Zielen relativ stärker ins Gewicht fallen. Real liegt die Gewinnschwelle also eher bei 53 bis 55 Prozent. Genau das muss der Test zeigen.

Was sich konkret ändert

Der Umbau betrifft die Ausführung, nicht das komplette System. Mein Rahmen bleibt derselbe: Session- und New-York-VWAP als Kontext, VWAP-Handoffs und Anchored VWAPs als Level. Gehandelt wird weiterhin in Richtung des Kontexts. Innerhalb dieses Rahmens verändert sich der Einstieg allerdings grundlegend.

Bisher habe ich auf eine Bestätigungskerze gewartet – auf die FUSE-Kerze, die zeigt, dass der Rücksetzer am VWAP aufgenommen wird. Künftig liegt meine Limit-Order direkt am relevanten VWAP und wird vom Pullback direkt ausgeführt. Keine Bestätigung, kein Kerzenschluss, keine Beurteilung im Moment. Die Order liegt oder sie liegt nicht.

Dabei zählt nur der erste Touch eines Levels. Die erste Rückkehr zum VWAP ist das Signal, der zweite und dritte Anlauf nicht mehr. Der Preis dieser Aggressivität liegt auf der Hand: Ohne Bestätigung fange ich auch Pullbacks, die einfach durchrauschen. Dafür komme ich früher in den Trade und kann den Stopp enger setzen. Genau diese Ersparnis soll in meiner Theorie das kleinere Ziel finanzieren.

Die Stoppweite kommt künftig aus der ATR, also aus der aktuellen Volatilität, statt aus einer festen Punktzahl. Der Faktor wird wohl zwischen 1 und 1,5 liegen; die genaue Regel teste ich noch. In NinjaTrader baue ich gerade die Werkzeuge dafür, unter anderem einen Trade-Manager, der aus der Stoppweite automatisch die Positionsgröße errechnet.

Das Prinzip dahinter bleibt mein altes: Das Dollar-Risiko pro Trade ist konstant. Die Anzahl der Ticks kann jetzt allerdings variieren. Weitet die Volatilität den Stopp, sinkt die Kontraktzahl. Die Micros machen das in relativ feinen Schritten möglich. Das Target liegt spiegelbildlich zum Stopp bei 1:1.

Gehandelt wird vorerst nur noch der ES, weil dieser die VWAP-Level erfahrungsgemäß etwas sauberer respektiert als der NQ.

Eine Konsequenz verdient einen eigenen Absatz: Der Break-Even-Stopp entfällt. Wer meinen Break-Even-Artikel gelesen hat, ahnt, dass mir dieser Nebeneffekt nicht ungelegen kommt. Ich hatte dort eingeräumt, den Stopp an angespannten Tagen manchmal zu früh auf BE zu ziehen, schlicht zur Stressreduktion. Das ist für das System alles andere als vorteilhaft.

Diese Entscheidung existiert nun im neuen System nicht mehr. Der Trade läuft entweder in den Stopp oder ins Ziel. Hopp oder top. Das Set-and-Forget, mit dem ich schon länger geliebäugelt habe, ist jetzt Teil des Systems.

Was gleich bleibt

Alles oberhalb des einzelnen Trades bleibt unverändert: die Tagesverlust-Limits, die Kontenrotation mit dem Gruppenwechsel nach zwei Verlusten und der maximale schlechte Tag als bekannte Größe. Der Umbau findet ausschließlich auf der Ebene des einzelnen Trades statt – bei Entry, Stop-Loss und Profit-Target.

Wie ich den Umbau teste

Bestanden ist der Test, wenn drei Dinge zusammenkommen: eine Trefferquote spürbar über der Kostenschwelle, messbar kürzere Verlustserien als unter 1:2 und eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob ich mit der neuen Methode mental zurechtkomme.

Nach Jahren mit Bestätigungskerze und 1:2 ist der aggressivere Limit-Einstieg eine Umstellung. Es ist durchaus denkbar, dass der Test nicht an der Mathematik scheitert, sondern an mir. Auch das wäre ein Ergebnis. Und auch das würde hier stehen.

Bis dahin gilt: Meine Strategie-Seite beschreibt weiterhin das bisherige System und wird erst nach einem bestandenen Test aktualisiert. Was Ihr im Portfolio seht, läuft ab jetzt nach den neuen Regeln.

Fazit

Dieser Artikel ist kein Erfolgsbericht, sondern eine Ankündigung mit offenem Ausgang. Die Verlustserie im öffentlichen Portfolio hat mich nachdenklich gemacht. Die Mathematik hat aus diesem Zweifel eine überprüfbare These gemacht: Für die Geometrie von Prop-Konten könnte ein niedrigeres CRV mit höherer Trefferquote besser geeignet sein als mein bisheriges 1:2. Wobei „könnte“ genau das Wort ist, das der Test durch ein belastbareres Ergebnis ersetzen muss.

Auf einem Privatkonto würde ich möglicherweise anders entscheiden. Dieser Umbau ist eine Antwort auf die Regeln von Prop-Konten, nicht zwingend auf den Markt. Wie es läuft, erfahrt Ihr hier. So oder so.

Häufige Fragen

Kurze Antworten auf die häufigsten Fragen zum Systemwechsel.

Weil Prop-Konten nicht den einzelnen Verlust bestrafen, sondern die Verlustserie. Trailing Drawdown und Tageslimits sind Serien-Killer: Fünf Verluste in Folge beenden ein Konto, fünf verteilte Verluste nicht. Ein niedrigeres CRV mit höherer Trefferquote verteilt dieselbe Erwartung auf kürzere Serien – bei 45 Prozent Trefferquote tritt eine Fünferserie auf 100 Trades in gut 90 Prozent der Fälle auf, bei 70 Prozent nur noch in etwa jedem sechsten. Auf einem Privatkonto ohne Drawdown-Geometrie kann die Rechnung anders ausgehen.

Er kann es sein, ja – wenn er im Schmerz passiert. Der Unterschied liegt im Prozess: Regeln im laufenden Trade oder am Verlusttag zu ändern ist für mich ein Regelbruch. Eine Regeländerung außerhalb der Marktzeiten, mit mathematischer Begründung und vorab festgelegten Kriterien ist eine Entscheidung des Risiko-Managers. Die Verlustserie war der Anlass, hinzuschauen – die Begründung liefert die Wahrscheinlichkeit, nicht das Gefühl.

Wenn genug Trades zusammengekommen sind, um Trefferquote und Serienlängen halbwegs belastbar zu beurteilen. Bestanden ist der Test, wenn die Trefferquote spürbar über der Kostenschwelle liegt (bei 1:1 sind das wegen Kommissionen und Slippage eher 53 bis 55 als nur 50 Prozent), die Verlustserien messbar kürzer werden als unter 1:2 und ich mit der passiven Ausführung über Limit-Orders dauerhaft zurechtkomme. Scheitert eine der drei Bedingungen, gehe ich zurück oder justiere nach. Die Strategie-Seite wird erst nach bestandenem Test aktualisiert.

Nein, denn die Regel meint etwas anderes. Wer Gewinner laufen lässt, entscheidet sich für ein System mit größeren Zielen und bezahlt dafür mit niedrigerer Trefferquote und längeren Verlustserien. Das ist legitim, aber eine Designfrage. Der Fehler, den die Regel eigentlich verhindern soll, ist asymmetrisches Verhalten: Gewinne werden aus Nervosität vorzeitig mitgenommen, während Verluste in voller Größe auflaufen. Aus einem geplanten 1:2 wird so ein erlittenes 0,5:1. Mein 1:1 ist das Gegenteil davon: Gewinner und Verlierer sind per Definition gleich groß, beide Distanzen stehen vor dem Einstieg fest, und im Trade wird nichts mehr entschieden. Bewusst klein zu gewinnen ist etwas anderes, als groß geplante Gewinne klein zu machen.

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Simon Rimkus

Simon Rimkus @ der/proptrader

Auf derproptrader.de teile ich meinen Alltag als Futures-Trader mit Prop-Firmen. Ich handle ES & NQ mit dem Anchored VWAP und schreibe über meine Erfahrungen mit Evaluierungen, Funded-Accounts, Auszahlungen, Regelwerken und Trading-Psychologie — ehrlich, praxisnah und ohne Marketing-Blabla.

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