Was kostet Prop-Trading? Die ehrliche Gesamtrechnung
Payout-Zertifikate zeigen Brutto-Zahlen – die echte Rechnung beginnt viel früher und endet viel später: Eval-Anläufe, Profit-Split, Auszahlungsgebühren, Steuern. Was Prop-Trading wirklich kostet und was von einem Payout übrig bleibt.

In den Sozialen Medien sieht Prop-Trading einfach großartig aus: Payout-Zertifikate mit vier- oder fünfstelligen Beträgen, gern mehrere pro Woche. Diese Zertifikate sind das Schaufenster der Branche – und sie verklären die Wahrnehmung, denn gepostet wird immer die Brutto-Zahl. Was niemand postet: die Evaluierungen, die vorher bezahlt wurden, den Anteil, den die Firma behält, die Gebühren auf dem Weg zum Bankkonto und die Steuern danach.
Zeit für die ehrliche Gesamtrechnung. Sie beginnt vor dem ersten Trade und endet erst auf dem Kontoauszug.
Die sichtbaren Kosten
Die sichtbaren Kosten sind schnell aufgezählt: die Evaluation (je nach Firma und Kontogröße meist 50 bis 400 US-Dollar Listenpreis), eventuelle Resets nach einem Fehlversuch, bei manchen Firmen eine Aktivierungsgebühr für das Funded-Konto, dazu je nach Setup Plattform- oder Datengebühren. Und weil in dieser Branche praktisch permanent Rabattaktionen laufen, zahlt kaum jemand Listenpreise – real liegt der Einstieg für ein 50k-Konto oft unter 100 Euro.
Genau deshalb wirkt Prop-Trading so günstig. Dieser Einstiegspreis ist aber nur der kleinste Teil der Rechnung.
Was ein Funded-Konto wirklich kostet
Die wichtigste Zahl der ganzen Rechnung taucht in keiner Preisübersicht auf: wie viele Anläufe Du im Schnitt für ein Funded-Konto brauchst.
Wer im Schnitt jede vierte Evaluation besteht, bezahlt pro Funded-Konto nicht eine Eval-Gebühr, sondern vier. Aus der 100-Euro-Eval werden 400 Euro echte Kosten – Resets noch nicht eingerechnet. Das ist keine Schwäche des Modells, sondern schlicht seine Preisstruktur: Der niedrige Einstiegspreis wird über die Anläufe bezahlt.
Wie viele Anläufe es werden, ist keine Frage des Talents allein, sondern neben Selbstdisziplin vor allem eine Frage der Varianz: Selbst saubere Strategien reißen mit normalen Verlustserien regelmäßig Evaluierungen. Wer seine eigene Erfolgsquote aus dem Journal kennt – oder ehrlich schätzt –, kennt den wahren Preis seiner Funded-Konten. Wer sie ignoriert, rechnet sich das Hobby schön.
Was ein bespieltes Konto wert ist
Sobald das Funded-Konto Gewinne trägt, dreht sich die Rechnung um: Jetzt geht es nicht mehr darum, was das Konto gekostet hat, sondern was es wert ist.
Ein Funded-Konto mit 2.000 Dollar Polster über dem Drawdown ist bei 90/10-Split real rund 1.800 Dollar wert, dazu kämen im Verlustfall die Kosten für ein Ersatzkonto. Das klingt banal, hat aber eine praktische Konsequenz: Viele Trader gehen mit einem Konto, auf dem bereits Gewinne liegen, genauso sorglos um wie am ersten Tag – es fühlt sich ja weiter nach „Firmengeld" an. Dabei ist das Polster längst Dein Geld in Wartestellung. Die eigene Vorsicht sollte mit dem Kontowert mitwachsen – oder das Polster regelmäßig per Auszahlung gesichert werden.
Vom Zertifikat zum Bankkonto
Gewinn gemacht, erste Auszahlung steht an. Das ist der Schaufenster-Moment: Das Payout-Zertifikat zeigt 2.000 Dollar. Auf dem Bankkonto landen sie so nie.
Zuerst greift der Profit-Split: Je nach Firma behält sie 10 bis 20 Prozent – aus 2.000 Dollar werden 1.600 bis 1.800. Dann kommt der Auszahlungsdienstleister: Die meisten Firmen zahlen über Anbieter wie Rise aus, und je nach Auszahlungsweg fallen dort Gebühren an. Und schließlich die Währungsumrechnung: Zwischen Dollar und Euro liegt immer ein Spread – wie groß er ausfällt, hängt stark vom Empfangsweg ab. Wie ich Auszahlungen in Dollar empfange und günstig wechsle, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben; ein schlechter Weg kostet hier still und leise weitere Prozente.
Aus dem 2.000-Dollar-Zertifikat sind an diesem Punkt – je nach Split und Weg – grob 1.500 bis 1.750 Euro-Gegenwert geworden. Und die Kette ist noch nicht zu Ende.
Die geliebte Steuer
Denn was jetzt auf dem Konto liegt, ist Einkommen. Payouts von Prop-Firmen sind in Deutschland in aller Regel Einkünfte aus selbstständiger beziehungsweise gewerblicher Tätigkeit – die bequeme Abgeltungsteuer-Welt der Kapitalerträge gilt hier nicht. Je nach persönlichem Steuersatz geht damit ein weiterer, oft erheblicher Teil an das Finanzamt. Die Details – wie Payouts steuerlich behandelt werden und wann ein Gewerbe nötig ist – habe ich in eigenen Artikeln aufgeschrieben; sie gehören zur Pflichtlektüre vor dem ersten größeren Payout.
Nur als Anmerkung für alle, die hauptberuflich traden wollen: Dann kommen auch Krankenversicherung und Altersvorsorge komplett aus eigener Tasche dazu – ein Posten, der in keiner Payout-Rechnung auf Social Media auftaucht, im Steuerartikel aber mitgedacht ist.
Unterm Strich bleibt vom stolzen Zertifikat je nach Split, Auszahlungsweg und Steuersatz grob die Hälfte bis zwei Drittel netto. Das ist kein Skandal – es ist bei jedem Einkommen so. Nur posten die wenigsten ihre Netto-Zahlen.
Die Gesamtrechnung: Lohnt sich das?
Jetzt lässt sich die Titelfrage ehrlich beantworten – und zwar für Dich persönlich, mit Zahlen aus dem eigenen Journal: Deine nötigen Anläufe pro Funded-Konto, Deine echten Kosten dafür, Deine erwarteten Payouts pro Konto und die Abzüge vom Split bis zur Steuer. Wer diese Rechnung aufstellt, weiß vor dem nächsten Kauf, ob sein Prop-Trading ein profitables Geschäft ist oder ein teures Hobby – ganz ohne Prognose, nur mit Ehrlichkeit.
Und trotz allem: Für profitable Trader bleibt die Rechnung attraktiv. Die Alternative hieße, eigenes Kapital in der Größenordnung des Drawdowns zu riskieren – und im Verlustfall kostet das ein Vielfaches der Eval-Gebühren. Genau dieses asymmetrische Verhältnis aus begrenztem Einsatz und echtem Kapitalzugang ist der Grund, warum ich selbst über Prop-Firmen handle. Man sollte nur beide Seiten der Rechnung kennen – nicht nur das Schaufenster.
Häufige Fragen
Kurze Antworten auf die häufigsten Fragen zu den echten Kosten im Prop-Trading.
Der Einstieg selbst ist günstig: Eine Evaluation kostet mit den üblichen Rabattaktionen oft weniger als 100 Euro, Aktivierungsgebühren entfallen bei vielen Firmen. Die ehrliche Frage ist aber nicht, was eine Eval kostet, sondern was ein Funded-Konto kostet – nämlich die Eval-Gebühr mal die Anläufe, die Du im Schnitt dafür brauchst, plus Resets. Wer jede vierte Evaluation besteht, zahlt das Vierfache des Kaufpreises pro Funded-Konto.
Deutlich weniger als 2.000 Dollar. Vom Zertifikatsbetrag geht zuerst der Profit-Split ab (je nach Firma 10 bis 20 Prozent), dann Gebühren des Auszahlungsdienstleisters und die Währungsumrechnung – und auf das, was in Euro ankommt, zahlst Du anschließend Steuern wie auf normales Einkommen. Je nach Split, Weg und Steuersatz bleibt vom Zertifikat grob die Hälfte bis zwei Drittel netto übrig.
Ja. Payouts von Prop-Firmen sind in Deutschland in aller Regel Einkünfte aus selbstständiger beziehungsweise gewerblicher Tätigkeit – nicht Kapitalerträge mit Abgeltungsteuer. Wie das steuerlich sauber aufgesetzt wird und wann ein Gewerbe nötig ist, habe ich in eigenen Artikeln ausführlich beschrieben.
Für profitable Trader oft ja – die Alternative wäre, eigenes Kapital in derselben Größenordnung zu riskieren, und das kostet im Verlustfall deutlich mehr als ein paar Eval-Gebühren. Entscheidend ist die ehrliche Rechnung vorab: Erfolgsquote mal erwartete Netto-Payouts gegen die echten Kosten pro Funded-Konto. Diese Rechnung lässt sich mit dem eigenen Journal aufstellen, bevor Du einen Euro ausgibst.

Simon Rimkus @ der/proptrader
Auf derproptrader.de teile ich meinen Alltag als Futures-Trader mit Prop-Firmen. Ich handle ES & NQ mit dem Anchored VWAP und schreibe über meine Erfahrungen mit Evaluierungen, Funded-Accounts, Auszahlungen, Regelwerken und Trading-Psychologie — ehrlich, praxisnah und ohne Marketing-Blabla.


